Freitag, 11. September 2009

Radurlaub 2009 zum Main und zurück

0. Tag, 10. August 2009: Berlin

»Resteverwertung« und Taschen packen

Am Nachmittag besuche ich die »Gandhara«-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau (wird ja auch Zeit!). Von dort fahre ich direkt zum Liegeradtreff in Friedrichshain.

Morgen soll meine zweite »große« Radtour in diesem Jahr starten. Grob geplant ist, möglichst zwischen Halle und Leipzig hindurch an die Saale zu gelangen, dann Weimar anzusteuern, um die »Thüringer Städtekette« abzuradeln, und dann per Werra, Fulda, Kinzig den Main zu erreichen. Diesen möchte ich von der Mündung aufwärts mindestens bis Lichtenfels begleiten, um dann »irgendwie« per »radweit« über Leipzig wieder nach Berlin zu kommen. Da ich am 31. August Besuch erwarte, ergibt sich ein entsprechender Zeitvorrat von 19 bis 20 Tagen. »Schaumama!«

Meine Ausrüstung unterwegs

  • Liegefahrrad »Speedmachine« (2007) von HP Velotechnik, Sonderfarbe »Signalweiss RAL 9003«, Aero-Lenker, SRAM-Dualdrive, SON-Nabendynamo und Busch&Müller-Leuchten (Scheinwerfer »Cyo Nahfeld« und LED-Rücklicht)
  • Zwei »Backroller« (Klamotten und Waschzeug; Verpflegung) mit zusätzlichen, abnehmbaren Außentaschen (Wertsachen; Werkzeug) und ein »Rackpack« (Campingausrüstung) von Ortlieb
  • Zelt »Vela I Extreme« (terracotta) mit Footprint von Exped
  • Selbstaufblasende Isomatte (60 cm) und selbstaufblasendes Sitzkissen von Therm-A-Rest
  • Sommerschlafsack »Cumulus 1000« von McKinley
  • Zwei Wasserflaschen (1 l und 1,25 l) von SIGG mit SmarTube-Trinkschlauch von Blue Desert
  • Digitalkamera »Cybershot DSC-W110« von Sony mit zwei Akkus und mehreren MicroSD-Chips plus MemoryStick-Adapter sowie ein Polfilter von HAMA, alles zusammen in einer Gürteltasche von Lowepro (die leider unterwegs ihren Geist aufgibt und durch eine neue Tasche von Samsonite ersetzt wird)
  • Fernglas »Rocky 8×24« von Steiner
  • Zwei Garnituren Radkleidung (kurz; Jeantex und Protective) und eine Windjacke (Löffler), eine Garnitur »Zivil« (lange Hose, zwei T-Shirts und ein Hemd, Unterhosen und Socken mehrfach), Regenklamotten (Löffler-Hose und Vaude-Jacke, beide frisch imprägniert; Stulpen), neue SPD-Schuhe »M086« von Shimano (Größe 47!), Handschuhe von Roeckl, »Five Finger Shoes« von Vibram (Größe 43!), NASA-Schildmütze, mehrere Microfasertücher diverser Hersteller als Handtuchersatz, Sonnenmilch »LSF 25« von Schlecker
  • Gefrierboxen für Müsli, Gemüse, Brotaufstrich (zwei rechteckige, zwei runde; alle gefüllt); ein Vollkornbrot, Tetrapacks mit Tomaten- und Grapefruitsaft sowie Schoko-Soja-Drink, Kräutersalz und Leinöl, ein Beutel Äpfel, Trockenobst, sechs Seitenbacher-Riegel (die ich in Zukunft nicht mehr auf Radreisen mitnehmen werde)
  • Pass, Geldbeutel, Schlüsselbund, Kamera
  • Noname-Minitool (in Zukunft ersetzt durch das »Mini 9« von Topeak), Flickzeug mit Reifenheber, Kettendrücker, Ersatzschlauch 20 Zoll, Fläschchen Teflon-Kettenschmierung, »Engländer«, Taschenlampe »Mini AAA« von MagLite, Luftpumpe »MiniMorph« von Topeak (passt perfekt in den Gepäckträgerrahmen) und SV-Adapter für die Tankstelle, Schweizer Offiziermesser, Tomatenmesser, kleiner Löffel und ein Sparschäler
  • Reichlich Kartenmaterial. Leider sind insbesondere die ADFC-Karten (13, 16—18) an manchen Stellen etwas »realitätsfern« (und in ihrer Darstellung auch nicht einheitlich). Die Bikeline-Hefte hingegen und regionales Kartenmaterial sind meist gut brauchbar
  • Tim Ferriss The 4-Hour Workweek mit der Vorgabe, jeden Tag ein Kapitel zu lesen

1. Tag, 11. August 2009: Berlin—Heidecamp Schlaitz

»Flucht« aus Berlin
152,75 km, 6:41:48 h

Mit übervollen Taschen (den Kühlschrank hatte ich erst wenige Tage vorher neu bestückt) starte ich um 9.20 in Berlin–Mitte auf der bekannten und direkten Route durch Berlin nach Potsdam und an die B2. In »Mich Village« kaufe ich eine Portion Chinareis mit Tofu, die ich nach knapp 50 km um kurz nach 12.00 in Seddin verspeise. Lesepause bis 13.00. Über Treuenbrietzen und Wittenberg verlasse ich Berlin und Brandenburg zügig in Richtung Süden. In einem Wäldchen direkt an der B2 besichtige ich die Überreste des NS-Gefangenenlagers »Sebaldushof«.

Am Abend erreiche ich die »Stadt aus Eisen (Ferropolis)« und schließlich den Campingplatz am Muldestausee. Eisschnitte, kleines Köstritzer, duschen und Abendessen. Gerade als ich ins Zelt steige, beginnt es zu regnen. In der Nacht stören die Flugzeuge vom Leipziger Flughafen.

2. Tag, 12. August 2009: Heidecamp Schlaitz—Bad Dürrenberg

»Und das alles haben wir verbrannt«
111,05 km, 5:36:03 h

Trübes Wetter. Gerade beim Einpacken nieselt es. Frisch rasiert und gestärkt mache ich mich auf den Weg; zuerst auf der B100 nach Pouch, dort auf dem Uferweg nach Mühlebeck. Im »Penny« gebe ich die beiden Fundflaschen von gestern ab und kaufe zwei Brötchen und Dinkelkekse. Dann wird es richtig schick. Den Vormittag verbringe ich gemächlich an der »Goitzsche« und mache dann Mittagspause am »Bitterfelder Bogen«, nach gerade mal 24,73 km.

Die Strecke Bitterfeld–Delitzsch–Schkeuditz hat es — inklusive Gegenwind — in sich. Aber ich kämpfe mich tapfer durch alle Stationen meiner (veralteten) ADFC-Karte. Nach 101 km erreiche ich die Saale in Bad Dürrenberg. Gerade ist der Apfel geschnippelt und der Topf Flocken gemischt, als es ernst- und dauerhaft zu regnen beginnt.

Beim nächsten Rastplatz »vertreibe« ich leider zwei Joggerinnen, die sich wohl lieber ungestört unterhalten hätten. Nach der Rast und in voller Regenmontur starte ich auf dem Saaleradweg in Richtung Naumburg. Nach nur 200 m darf ich »gelber Engel« spielen und einem MTBler die Luftpumpe leihen. (Schon blöd, wenn man zwar Flickzeug, aber keine passende Pumpe dabei hat.) In Kleinkorbetha biege ich falsch ab und werde durch einen Abendplausch bestraft/belohnt. Am Unterstand »Fasanenkrug« reicht’s. Die nassen Klamotten hängen zum Trocknen im Gebälk — ich bleibe hier.

3. Tag, 13. August 2009: Bad Dürrenberg—Kromsdorf

Von der Saale an die Ilm
104,85 km, 5:32:21

Nach einer lau(t)en Nacht mache ich erst einmal PME und Frühstück. Die trockenen (!) Sachen werden verstaut und dann geht’s los. Weißenfels ist weiterhin radunfreundlich. Naumburg beschert mir einen »doppelten Achter«: Erst ist am Bootshaus Baustellensperre, die ich von beiden Seiten zu sehen bekomme (inklusive waghalsigem Abstieg auf dem Fußweg). Dann fahre ich weit um die Stadt herum, in die Stadt hinein und nach Besichtigung und zweifachem Mittagessen wieder in weitem Bogen aus der Stadt heraus. Kurz darauf verbringe ich den Nachmittag in der »Landesschule Pforta«.

Wie bereits vor Naumburg angedroht, ist die Strecke zwischen Bad Kösen und Bad Sulza total gesperrt (und schieben über Saaleck und Rudelsburg will ich diesmal nicht). Die Umfahrung über Eckartsberga zum Ilmtalradweg wird zum echten »Power Ride«: 8–12 % Steigung sind mehrfach zu absolvieren. Der abendliche Abstecher nach Auerstedt ist nicht wirklich erfolgreich und in Kromsdorf reicht es für heute.

4. Tag, 14. August 2009: Kromsdorf—Mühlberg

»Thüringer Städtekette«
62,33 km, 3:45:38 h

Kühl und klamm. An der Rastbank kann ich die Taschen neu organisieren und das Zelt (getrennt) sauber verpacken.

Bis Weimar sind es nur wenige Kilometer und bereits bei der Stadteinfahrt sehe ich das erste Schild zur »Thüringer Städtekette«. In Weimar halte ich mich länger auf und nehme ein ausgiebiges zweites Frühstück am Theaterplatz (»Jesus rettet!«). Vor der eigentlichen Stadtrundfahrt — Markt, Platz der Demokratie, Schloss und Archiv, Herderplatz, Theaterplatz — nutze ich die Gelegenheit und wasche zumindest den Kopf im »WC« neben der Stadtwache. Erfrischend!

Im »Weimar Atrium« (das man wohl nur mit dem Auto aus allen Richtungen erreicht, Fußgänger haben auf drei von vier Seiten keinen Zugang) kaufe ich mir eine dritte SD-Speicherkarte à 4 GB. Danach fahre ich in ein paar Schleifen in Richtung »TSK«. Bis Erfurt sind es nur gut 20 km. Nach einem ToGo-Kaffee und zwei Stück Kuchen fahre ich auf den Petersberg, da der Domberg wegen Theaters gesperrt ist.

Die restlichen 25 km bis zum (extrem lauten — Oropax!) Campingplatz in Mühlberg an der A4 werden zur Photoorgie: »alle 30 m anhalten und knipsen«. Insbesondere die Wachsenburg steht schön im Licht. Nach Einbruch der Dunkelheit dann Sternen- und Burgenguckerei mit dem Fernglas: Milchstraße, Satelliten und Flugzeuge, (vielleicht) eine Sternschnuppe. »Gleichen« und »Mühlburg« sind hell gelb erleuchtet (und »Wachsenburg« liegt dahinter).

5. Tag, 15. August 2009: Mühlberg—Heringen

Von Thüringen nach Hessen
111,38 km, 5:30:27 h

Heute ist das Zelt sehr taunass. Rasieren und Akkus laden. Mit mehreren Blicken zurück ins »Burgenland« ist Gotha recht zügig erreicht. Vormittägliche Pause im Innenhof von Schloss Friedenstein. Dann Abfahrt zum Rathausplatz (Kaffee für 99 c) und weiter Richtung Waltershausen.

Zwischen Gotha und Eisenach ist die »TSK« großteils einfach schlecht zu befahren (Straßenschädenstraßen und grober Schotter). Aus Frust lasse ich Eisenach diesmal buchstäblich »links« (der Bahntrasse) liegen und klinke mich per »Herkulesweg« in Hörschel auf dem Werra-Radweg ein, den ich in Gerstungen aber zugunsten der Autostraßen verlasse. Am Zeltplatz in Heringen quatsche ich beim Abendessen mit der niederländischen Vertretung über Radwege und Grenzen in Europa (F, B, NL, D). Dann Zelt aufbauen, duschen und Wäsche waschen. Abschließend nochmal Sternegucken.

6. Tag, 16. August 2009: Heringen—Schlitz

Von der Werra an die Fulda — Old Style
66,84 km, 3:27:45 h

Eine Stunde »Stehmeditation« bei Sonnenaufgang am »Monte Kali«. Um 10.00 zweites Frühstück mit Tee und Gebäck. Der R7 ist — bis auf zwei kurze Schotterstrecken — erste Sahne: Landschaft, Weg, Weisung vom feinsten. (In ganz Hessen finde ich eine extrem gute Beschilderung.)

In Friedewald ein Sturz (!) in einem Baustellenstück. Beim Richten des Kettenschutzes stehe ich vor dem Schloss und der Wasserburg Friedewald, die ich erst besuche und dann zum Pausenort erküre. Hinter Friedewald verliert der R7 seine gute Bewertung sofort und gründlich: 5 km hoppele ich eine üble Schotterstrecke bergab durch den Wald, bis es mich auf die rechte Seite legt und ich den Lenker komplett neu justieren muss. Erst im Tal beginnt ein neuer, edler Abschnitt des R1/R7. Von Bad Hersfeld ab geht es bretteben und bestens ausgebaut durch die herrliche Mittelgebirgslandschaft. Kurz vor Schlitz begegne ich einem Liegeradler (»Nighthawk«, ungefedert), der mich auf den nagelneuen (»Mitte ’09«) ausgebauten »Hessischen Bahnradweg« über den Vogelsberg hinweist.

Also bleibe ich in Schlitz am Campingplatz, photographiere am nördlichen Ortseingang die kolossalen Gewitterwolken im Osten (Thüringer Wald, Rhön, Fulda), treffe eine »Hexe«, die für das trockene Wetter vor Ort verantwortlich zeichnet, fahre dann zur Vorder- und zur Hinterburg und quatsche schließlich am Campingplatz mit einem deutsch-niederländischen Paar über Radtouren, Scheißcamper und Politik. Stille Blitze erzeugen schöne Lichtbilder. Eine Gruppe migrationshintergründiger Jugendlicher steigt nachts ins Freibad u/o in den Campingplatz ein, zieht aber nach kurzer Zeit friedlich von dannen.

Anmerkung: Beim »nächsten Mal« werde ich eine andere Route probieren: Statt von Heringen per R7 über Friedewald nach Bad Hersfeld zu fahren und von dort über Schlitz und Lauterbach den Vogelsberg anzusteuern, kann man dem »Hessischen Bahnradweg« von Philippstal an der Werra über Tann an der Wasserkuppe vorbei nach Fulda folgen und von dort nach Schlitz oder entlang der Kinzig nach Hanau gelangen. Oder man verzichtet nur auf Friedewald und wählt den »HBRW« von der Werra nach Bad Hersfeld.

7. Tag, 17. August 2009: Schlitz—Steinheim

Über den Vogelsberg an den Main
133,09 km, 6:18:24 h

Ein absolut perfekter Traumtag, der (fast) in einem Albtraum endet. Zunächst ein Großeinkauf bei »tegut« — der Schlitzer Laden ist äußerst gut sortiert –, schließlich braucht man für’s Bergauffahren ausreichend Ballast :-). Dann ein langer, aber relativ sanfter Anstieg von 220 m auf 565 m in Hartmannsheim. Und von dort eine unglaublich lange, tolle, rasend schnelle, weite Abfahrt um die 40 km/h im zweithöchsten Gang … bis Altenstadt, wo der traurige Schlussteil beginnt. Im Rathaus hole ich noch eine Flasche Wasser, dann robbe ich mich buchstäblich auf gewundenen Feldwegen in Richtung Hanau.

Im Stadtbereich sehen die Bäume und Wege arg gerupft aus, von einem der zahlreichen Riesengewitter, denen ich am Nachmittag wiederum glücklich entkommen bin. 5 km vor Hanau wird man in den Wald (Nebel!) auf Schotter, dann Pfützen und schließlich auf »Radwege« in Richtung »Innenstadt« geschickt. Leider sind um 19.30 bereits alle Geschäfte geschlossen. Zwei Polizisten (»wir sind hier selber fremd«), die ich eigentlich bloß anspreche, weil der »Radweg« in Richtung Fußgängerzone durch ein Verbotsschild gekappt ist, können mir gerade mal mit Hilfe ihres Navigationssystems (und dann auch nur ungefähr) den Weg zum Main weisen. Immerhin erteilen die beiden mir (unbewusst) die »Erlaubnis«, genau durch die Sperrzone zu fahren. Leider liegt »Schloss Philippsruh« auf dem »falschen« Ufer und die Fähre verkehrt um diese Zeit natürlich nicht mehr.

Also über die Brücke zu Shell, dann ein weiter Ausrutscher nach Dietersheim und zurück an den Main in Steinheim, wo ich doch in einem kleinen Campingplatz lande und mein Zelt unmittelbar am Ufer aufschlagen kann. Nach der Dusche esse ich »fremd« beim anliegenden (und den CP betreuenden) Asiaten.

So, und jetzt mindestens doppelt soviel positiven Text zu den ersten 120 km dieses phantastischen Tages! Auch hier gibt es eine mögliche Alternative für »das nächste Mal«: Von Hartmannsheim nicht über Gedern nach Altenstadt, sondern über den »Südbahnradweg« an die Kinzig und über Gelnhausen nach Hanau.

8. Tag, 18. August 2009: Steinheim—Bürgel

Zur Mündung des Mains
117,54 km, 5:46:54 h

Ein schöner Tag. Von Steinheim nach Mainz und zurück nach Bürgel, einmal über Kelsterbach (und die Schleuse Eddersheim), einmal über Okriftel (fast in Sichtweite zu Kriftel, der Heimat meiner »Speedmachine«). »Mainhattan« mal im Morgen- mal im Abendlicht. Heute wieder (mindestens) zwei Liegeradler gesehen, davon ein Trike (Scorpion?).

9. Tag, 19. August 2009: Bürgel—Wörth am Main

Auf nach Unterfranken!
79,96 km, 4:12:59 h

Aufstehen schon kurz nach 6.00: Akku restladen, längere Photosession bei Sonnenaufgang auf dem Mainsteg. Das Zelt ist komplett trocken! Kurz nach 11.00 fahre ich an dem Campingplatz von gestern vorbei in Richtung Osten. (Bürgel ist definitiv komfortabler als »Nizza«.)

Kaffee-, Photo- und Mittagspause in Seligenstadt, das übrigens noch in Hessen liegt, während Kahl am Main auf der anderen Seite bereits zu Bayern gehört. Gut, dass ich in Krotzenburg nicht über das Wehr gewechselt bin: Ein riesiges Eis »Walnuss/Jogurt« für 1,60 €.

Per Fähre wechsele ich nach »Bayern«, wo sich direkt an der Grenze das ehemalige »Versuchsatomkraftwerk Kahl« befindet. Die Strecke bis Aschaffenburg ist schöner als die von dort zum heutigen Etappenziel. In Aschaffenburg besichtige ich das Pompejanum, mache Pause auf der Parkterrasse, parke dann das komplett bepackte Fahrrad in einer genialen Fahrradbox (zu verschließen mit dem eigenen Bügelschloss) unter der Willigisbrücke und steige nochmals zu Fuß durch die winkelige Altstadt zum Schloss hinauf.

Zum Campingplatz »Mainruh« ist die Strecke fast durchgehend »grün«, aber recht eintönig. Die schwüle Hitze ist sehr anstrengend, aber zum Photographieren ist der Himmel einfach ideal. (In Obernburg riecht es ganz seltsam.) Duschen, Wäsche in der Maschine, Abendessen im Restaurant mit Blick auf die Weinberge und die »Ruine Klingenburg«.

10. Tag, 20. August 2009: Wörth am Main—Bettingen

Hochsommer am Main
70,32 km, 3:42:56 h

Wieder recht spät gestartet. Die unglaubliche Hitze den ganzen Tag über (noch am Abend zeigt ein Thermometer in Wertheim 37 °C an!) erzwingt eine ausgiebige Mittags- und Lesepause im Schatten großer Bäume kurz vor Freudenberg. Später hole ich mir dort ein Eis zur Abkühlung.

Abends um halb neun nutze ich dann meinen »Privatstrand« am Campingplatz zum Schwimmen im Main. Nachts um eins blitzt es im Norden ganz heftig, obwohl hier sternklarer Himmel ist. Kurz darauf rauscht ein Frachter vorbei. Ansonsten bleibt es ruhig.

11. Tag, 21. August 2009: Bettingen—Karlstadt

Der Lenker ist gerade!
71,01 km, 3:45:36 h

Der Tag beginnt mit einem erfrischenden Gewitter zum Frühstück im Zelt. Noch ist kein (Wasser-) Schaden eingetreten. Auch den Sprint gegen eine Regenwand in Lohr gewinne ich. Das wäre richtig übel nass geworden!

Dazwischen ein Stück sehr interessant mit Ortsbesichtigungen, wobei Lohr und Gemünden nicht so anziehend sind (insbesondere wenn man in den »automobilen Mahlstrom« gerät), dafür Karlstadt um so mehr. Und der Campingplatz kostet nur 5 € (Duschen und Freibad inklusive, Waschmaschinen vorhanden).

12. Tag, 22. August 2009: Karlstadt—Ochsenfurt

Rocky Horror Picture Show
63,50 km, 3:30:05 h

Gleich zum Frühstück habe ich eine Viertelstunde Spaß mit einem Becher Tomatensaft, der auf der Footprint-Matte umkippt. (Und dazu kein Papier mehr, nur noch ein Lappen, …) Die Ersatzbeschaffung erfolgt komplett in Karlstadt. Dort auch Photographieren, zehn Minuten Internet, Kaffee und sogar Mittagspause.

Dann geht es recht ereignislos weiter Richtung Würzburg. Margets- und Veitshöchheim sind unbedingt einen Halt wert (am Eingang zum Park gibt es Fahrradbügel und eine große Kofferschließanlage für das Gepäck).

Würzburg hingegen zeigt sich radunfreundlich: Der riesig ausgeschilderte »Fahrradparkplatz mit Gepäckaufbewahrung« ist — anders als die Fahrradboxen in Aschaffenburg — einfach eine Reihe Holzbalken und ein großer Baucontainer — allerdings unbesetzt und damit völlig unbrauchbar. Also mit dem Rad über den Main, zur Residenz, zum neuen All-Inclusive-Asiaten »Sumo Sushi« (ein krudes Mischmasch aus japanischem Sushi-Restaurant mit chinesischen Straßenlampions, koreanischer Neonbeleuchtung und thailändischer Bedienung — nichts halbes und nichts ganzes) und mit einer guten Portion »V4—Tofu mit rotem Curry« in das »Unesco Weltkulturerbe Würzburger Residenzgarten«. Lecker!

Dann wieder raus aus der Stadt. Statt wild zu campen, erreiche ich Ochsenfurt bei Sonnenuntergang. Die »Alte Mainbrücke« ist mittlerweile abgetragen (die verbleibende Straßenbrücke hat ihren Zenith auch längst überschritten) und die erste Beschilderung »Camping« führt ins Nirwana (hätte aber wohl »gepasst«). Aber das »Polisina« entpuppt sich als echter »RHPS«-Verschnitt: 12 % Aufstieg zu einem 4-Sterne-Hotel à la Florida (Einzelzimmer deutlich jenseits 90 €) und einem »Waldcampingplatz« »ganz hoch droben« mit sehr hartem Untergrund. (Und beim duschen geht dann auch noch die Zeitschaltuhr der Badbeleuchtung aus. Zum Glück liegt die Taschenlampe bereit!) »Offer them horse brutality!«

13. Tag, 23. August 2009: Ochsenfurt—Sommerach

Fachwerk und Wein
45,51 km, 2:24:51 h

Heute die kürzeste Etappe der bisherigen Tour. Nach der gestrigen späten Ankunft und weil ich erst um 1.45 dem Autobahnrauschen nachgebe und die Oropax einsetze, ist es 7.45 beim Aufstehen und nach 10.00 beim Aufbruch. Erst einmal zurück nach Ochsenfurt zum zweiten Frühstück und zur Photorunde.

Dann Mittagspause, Photorunde (dank Fahrradbox!) und Kaffee in Marktbreit, sowie (»benediktinische«) Abendbrotzeit in Münsterschwarzach. Superteures Camping am »Katzenkopf« (12,30 €; Wäscherei um 20.15 anmelden zu wollen ist »für heute zu spät«. Hä?)

Kloster Münsterschwarzach ist nachts nicht beleuchtet. Dafür erstrahlen die Schleuse »Gerlachshausen« und die Innenstadt von Sommerach um so mehr im Licht der Scheinwerfer. Sterneguckerei am Rande des Campingplatzes.

14. Tag, 24. August 2009: Sommerach—Lichtenfels

Heute ist »Ruhetag«
147,60 km, 6:48:05 h

Montags sind in Schweinfurt (und andernorts) leider sämtliche Museen geschlossen. Also bleibt nur, an der Promenade »Disharmonie« einen Pott Kaffee zu trinken und eine kurze Rundfahrt durch die (reichlich unansehnliche) Innenstadt zu machen.

Dann folge ich wieder dem Main-Radweg in Richtung Bamberg, photographiere in den kleinen Orten auf dem Weg und erreiche um halb neun abends nach knapp 150 km mein Elternhaus in Lichtenfels. Hier hole ich die verpasste Wäscherei von gestern nach.

15. Tag, 25. August 2009: Lichtenfels

Erster Pausentag

Meine Schwester und ihre Tochter kommen aus München.

16. Tag, 26. August 2009: Lichtenfels

Zweiter Pausentag

Mein Bruder und seine Töchter kommen aus Röttenbach.

17. Tag, 27. August 2009: Lichtenfels—Talsperre Pöhl

»Hochleistungssport«
140,88 km, 6:55:29 h

Entgegen meiner ursprünglichen Planung, »radweit« über Kronach und Nordhalben den Thüringer Wald zu überqueren, folge ich dem Main-Radweg bis Kulmbach und peile Hof, Plauen und Zwickau an. Vor Mainleus Abzweig zum Zusammenfluss von Weißem und Rotem Main; sehr schön gestalteter Ort. Weiter zu Schloss Steinenhausen.

Kulmbach durchfahre ich recht knapp und stürze mich gleich auf den 10 %igen Aufstieg durch den Ort »von und zu« Guttenberg. Es folgen weitere Kletterpartien und lange Kilometer mehr als fragwürdige Wald- und Feldwege nach Helmbrechts, Selbitz (Bahnradweg!) und Hof. Hier ist wirklich eher MTB-Terrain.

Ab Trogen folge ich schließlich der B173. Wegen Baustelle und Sperrung in Pirk (»ÖPNV frei«) gibt es zum Glück sehr wenig Verkehr und somit ein zügiges Durchkommen nach Plauen. Der Campingplatz »Talsperre Pöhl« ist sehr gut ausgeschildert.

18. Tag, 28. August 2009: Talsperre Pöhl—Rochlitz

»Wandertag im Steinicht«
119,01 km, 6:33:55 h

Zweiter Tag »Hochleistungssport«. Direkt an der Staumauer geht es zur »Elstertalbrücke«: Ab Jocketa steil abwärts über Stufen (»Radfahrer absteigen«). An der Weißen Elster entlang fahre, schiebe, wandere ich bis zur Abzweigung »Göltzschtalbrücke 13,9 km«. Der Weg wird dann richtig übel, so dass ich die Schuhe wechsele und mit den »FFS« »barfuß« über Stock und Stein weitermarschiere. Irgendwo bei dem ganzen Auf und Ab verliere ich in Christgrün den Faden und fahre »direkt« nach Mylau.

Auch die Weiterfahrt nach Zwickau wird zur körperlichen und mentalen Tortur. Nach der zweiten Rückführung auf die B173 bei Schönfels bleibe ich einfach drauf und rausche im dichten Verkehr kilometerweit durch Vororte bis an die Mulde. Hinter Glauchau lässt die Befahrbarkeit des »Radwanderweges« ebenfalls stark nach. Die ewigen spitzen Steigungen schlauchen extrem. In Zaßnitz/Rochlitz bekommt ein »Golden Retriever« dann zum Abschluss des Tages gewaltigen Ärger mit mir. Am Parkplatz an der Mulde ist Ende für heute. (Es wären noch mehr als 10 km bis nach Förstgen.)

19. Tag, 29. August 2009: Rochlitz—Grimma

Technischer Knockout
37,99 km, 2:24:30 h

Nachdem die hypermotorisierte sächsische Landjugend irgendwann in der Nacht doch endlich Ruhe gibt, werde ich frühmorgens von einem sehr gesprächigen Schwarm Krähen geweckt. Das Zelt ist erstaunlicherweise fast trocken. Nach dem Zusammenpacken und dem Frühstück folge ich dem Muldetalradweg, der nur noch wenige Steigungen aufweist, stellenweise aber doch nicht einfach zu fahren ist.

Am Zusammenfluss der Zwickauer und der Freiberger Mulde soll man am dortigen Wasserwerk auf gesperrtem Weg zu einem Infopunkt gelangen. Das verrät mir ein Radtourist an der ersten »Mulde«-Brücke. Leider ist dort meine Reise dann (fast) zu Ende, denn der starke Wind schafft es nach 5 min schließlich doch, die Speedmachine auf die Seite zu werfen. Leider stürzt sie dabei über den Bordstein auf die Fahrbahn. Diese dritte (?) Kaltverformung des Lenker-T-Stücks sieht jetzt richtig übel aus: Risse und Stauchungen rundherum. Durch geometrische Schiefstellung kann ich immerhin noch fahren und erreiche ab Kleinbothen auf geschottertem Weg Grimma, wo ich zweites Frühstück mache und das Ende per Bahn vorbereite.

Um 13.04 sehe ich vom Bahnhofsvorplatz (erinnert mich irgendwie an Sizilien) die RB nach Leipzig abfahren. Also kann ich gemütlich bis 14.04 Pause machen. Leipzig–Falkenberg/Elster (Gleis 2!)–Berlin — eine mehrstündige Reise im RE. Immerhin bekomme ich so die geplanten Zwischenstationen Eilenburg und Torgau im Schnelldurchlauf zu sehen.

Bei Einfahrt in Jüterbog zeigt der Informationsmonitor ein passendes Schlusswort zu dieser tollen Reise:

Nicht weil die Dinge schwierig sind,
wagen wir sie nicht.
Sondern weil wir sie nicht wagen,
sind die Dinge schwierig.

— Senecca

Fazit

In der dritten Saison mit der »Speedmachine«, die jetzt knapp 21.000 km gelaufen ist, und auf der mittlerweile sechsten Mehrtagestour habe ich die Technik weitestgehend im Griff. Die einzigen »Ausfälle« auf dieser 1.635 km langen Reise waren der Reißverschluss an der Lowepro-Phototasche und der Schlussverriss des Lenkers an der Speedmachine, ansonsten hatte ich nicht mal einen Platten.

Die ziemlich genau ein Jahr alte Digitalkamera hat ohne Probleme weitere 2.400 Aufnahmen geliefert, die jetzt auf einem 8 GB-MicroSDHC-Chip und auf meinem Notebook archiviert sind (und von denen in diesem Bericht nur ein winziger Ausschnitt zu sehen ist).

Die »Packordnung« mit den 3+2 Ortlieb-Taschen funktioniert ausgezeichnet, insbesondere die neuen Außentaschen für die vielen »Kleinteile« haben es mir angetan. Das Fahren mit dem Liegerad unter Volllast über längere Strecken und mehrere Tage hinterlässt wie gewohnt keinerlei körperliche Beschwerden.

Was ich vertiefen möchte:

  • Dübener Heide und Goitzsche
  • Vogelsberg in allen Varianten
  • Main-Viereck/Spessart (Seligenstadt bis Karlstadt)

Was ich auslassen möchte:

  • Steigungen an Saale, Ilm, Werra, Fulda, Mulde
  • Die Überquerung des Mittelgebirges zwischen Thüringen, Sachsen und Bayern

Was ich vergessen habe:

  • Den Wasserhaupthahn im Bad zudrehen
  • Den Kühlschrank offen zurücklassen
  • Lippenstift mit Sonnenschutz einpacken (jetzt hab’ ich drei)
  • Für beide SIGG-Flaschen den Schraubverschluss mitnehmen
  • Zwei Rollen Klopapier einpacken

Auf was ich verzichten kann:

  • Stoffbeutel mit Seitenbacher-Fruchtriegel

Was ich noch verbessern will:

  • Das Problem mit dem Umfallen bei voller Beladung muss unbedingt beseitigt werden. Entweder ich finde einen wirklich stabilen Fahrradständer oder ich montiere bei Radreisen den Mittelständer komplett ab. Im ersten Ansatz probiere ich es mit dem »Multi ESGE« von Pletscher.
  • Die Schrammen am Gepäckträger durch die Ortlieb-Taschen sollen durch Spiralkabelbinder verhindert werden. »Wir arbeiten dran.«
  • Das Kartenmaterial in Papierform ist — trotz Aktualisierung 2006/2007 — über weite Strecken mit Vorsicht zu genießen. Vielleicht sollte ich mich dem Thema »GPS-Navigation« annähern (nicht zuletzt für eine kartographische Darstellung der gefahrenen Strecke).

1 Kommentare:

Joy 's Welt hat gesagt…

Ich finde es faszinierend ,wie Sie Ihre "Radtour" be-/umschreiben.
Diese Tour hört sich so spannend an das man sich selbst gleich auf den Sattel schwingen möchte.
Kleiner Tip am Rande:Super reizvolle Gegend "Die Schwäbische Alb" und immer an der Donau entlang(habe ich selbst ausprobiert).Liebs Grüßle Joana (Joy)