Montag, 21. September 2009

Testfahrt nach Anklam und Peenemünde

0. Tag, 16. September 2009: Berlin

Die »Speedmachine« ist endlich wieder da!

Die nach der langen Urlaubsreise fällige 21.000 km-Inspektion (die 18.000er fällt aus) ist absolviert und alle Ersatz- und Neuteile sind montiert. Dank »Eurobike« hat sich diese Aktion leider um eine Woche verzögert.

  • Getriebe: Kette und Ritzelsatz werden nach circa 16.000 km erneuert
  • Umlenkrolle: Eine »TerraCycle« ersetzt das völlig abgefahrene Kunststoffteil
  • Lenker: Nach (mehrfachem) »Umfall« komplett neu
  • Hinterbauständer: Ein »ESGE Multi« von Pletscher ersetzt den Mittelständer des selben Herstellers
  • Fahrradglocken: Messingglocke »Universal Sound Bell« (ganz dezent für Fußgänger) und »Asista Charly« (rabiat laut gegen Radfahrer und Skater), beide »Made in Japan« und mit Federklöppel

Jetzt wird es Zeit für eine »Testfahrt«. Noch am Abend – auf dem Weg zum Einkaufen – kommt mir spontan die Idee, dies mit einem erneuten Besuch der früheren »Heeresversuchsanstalt Peenemünde« zu verbinden, da die erste Stippvisite 2007 doch arg kurz ausgefallen war. Die spätsommerliche Wettervorhersage für die nächsten Tage ist hervorragend. Das muss ich ausnutzen!

1. Tag, 17. September 2009: Berlin—Torgelow

(Fast) zum Stettiner Haff
196,86 km, 8:05:03 h

Gleich nach der Morgenmeditation packe ich die Taschen für diesen Kurztrip. Sehr viel weniger Ballast als für die Reise im August. Um 10.05 geht es los, zuerst zur Bank für »Bares«, dann auf dem Fernradweg »Berlin–Usedom« über Bernau, Joachimsthal, Prenzlau, Pasewalk in Richtung Ueckermünde.

Der Übergang von Berlin nach Brandenburg ist endlich gelöst: Statt auf dem »Röntgentaler Weg« oder über die Wiese zu hoppeln, wird man jetzt rechts ab zur »Straße 7« geführt. Vor Eichhorst mache ich den »Fehler«, den gelben Schildern zu folgen, und lande prompt auf einer Sandpiste, die ich schiebend und fluchend überwinde. Dafür gibt’s bei »Petra’s Fischexpress« (vom Verkaufswagen zum vielbesuchten Fischrestaurant in wenigen Jahren, Respekt!) ein leckeres Matjesbrötchen zur Stärkung. In Bandelow decke ich mich bei »Uckerkaas« mit weiterem leckeren Proviant ein.

Leider fehlt jahreszeitlich bedingt bereits eine ganze Stunde, so dass ich nicht wie geplant den Campingplatz am Stettiner Haff in Grambin erreiche, sondern nach Sonnenuntergang mein Nachtlager auf dem Caravanrastplatz in Torgelow aufschlagen muss. Das erweist sich aber als eine gar nicht schlechte Alternative.

Um die fast 200 km zeitlich überhaupt zu schaffen, ist heute absolutes »Photographierverbot«, daher gibt es hier kein Bild von der abendlichen Stimmung, sondern nur eines vom nächsten Morgen.

2. Tag, 18. September 2009: Torgelow—Karlshagen

An die Ostsee bis kurz vor’s Ziel
125,54 km, 5:40:29 h

Von Torgelow sind es gut 20 km bis Grambin. Bereits nach neun Kilometer hätte in Eggesin der Wasserwanderrastplatz eine radfahrerfreundliche Campingmöglichkeit geboten; immerhin kann ich hier meine Wasservorräte auffüllen. Von Leopoldshagen bis Bargischow ist der Radweg in einem erbärmlichen Zustand.

In Anklam mache ich am Marktplatz Mittag und besuche dann für zweieinhalb Stunden das »Otto-(und Gustav)-Lilienthal-Museum« (auch dies war mir bei den bisherigen Durchfahrten nicht vergönnt). Was man mit 43 nicht noch alles beginnen kann!

Am Nachmittag fahre ich über die Zecheriner Brücke auf die Insel Usedom und weiter über Stadt Usedom, Mellenthin, Pudagla, Koserow, Zinnowitz, Trassenheide nach Karlshagen, wo ich für zwei Nächte im »Dünenkamp« unterkomme. Nach dem Abendessen genieße ich den Sonnenuntergang und den Sternenhimmel am Ostseestrand (Jupiter im Süden, Milchstraße im Zenit, Andromedanebel, Sternschnuppe, zum Abschluss der ISS-Überflug). Der Leuchtturm auf der »Greifswalder Oie« haut dabei ganz gewaltig »auf die Linse« und der Ostwind vom Meer ist sehr kühl, aber anschließend sorgt das Meeresrauschen für einen erholsamen Schlaf.

3. Tag, 19. September 2009: Karlshagen—Peenemünde

Museumstag
19,76 km. 54:20 min

Heute fahre ich »in Zivil« nur vom Campingplatz zum »Historisch-Technischen Informationszentrum« (HTI) in Peenemünde und zurück (mit zweimaligem Abstecher zum Supermarkt), wo ich mich sechs Stunden lang mit der umfangreichen Ausstellung zu Entwicklung und Anwendung der Raketentechnik beschäftige. (Vorher werde ich von einer früheren Anwohnerin über die katastrophale Situation hier in »Hintervorpommern« und sonst in Deutschland aufgeklärt. Die Frau holt einmal Luft, um sich über die Investitionsruine an der Hauptstraße aufzuregen, und hört dann erst nach eineinhalb Stunden auf, sich den Frust von der Seele zu reden. Ich komme mir vor wie »Momo«.) Am Abend betreibe ich natürlich wieder Sternguckerei am Strand.

Die Ausstellungen in Anklam und in Peenemünde zeigen, dass naturwissenschaftlich-technisch höchst begabte Menschen aus ihrem Wissen und Streben völlig gegensätzliche soziale und ethische Konsequenzen ableiten können. Mit Blick auf den nächtlichen Himmel im Osten und somit in Richtung Königsberg gewandt, passt wohl folgendes Zitat:

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.

— Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft

¶ Wenige Tage später hält Prof. Dr. Peter Schulz-Hageleit an der Berliner Urania einen Vortrag zu diesem Thema.

4. Tag, 20. September 2009: Karlshagen—Berlin

Privater »Brevet« von der Küste bis nach Hause
266,29 km, 10:51 h

Wie mental programmiert, wache ich um 5.22 auf und verfolge einen phantastischen Sonnenaufgang über der Ostsee. Venus steht ganz dicht bei Regulus (gerade mal Vollmondbreite!), Beteigeuze und Rigel im Orion schillern in orange-rot und blau, und dazu erglüht der Osthimmel in herrlichen Farbtönen. Das Wasser darunter erscheint wie flüssiges Metall.

Um exakt 6.46 taucht der Glutball unserer Sonne aus dem Horizont auf; im Fernglas bei achtfacher Vergrößerung ein unbeschreibliches Bild! Akustisches Detail am Rande: der Strand »knistert« beim Gehen wegen der unzähligen Muschelschalen, und natürlich bildet das Wellenrauschen und das Geschrei von Möwen und Krähen den allgegenwärtigen Hintergrund.

Um 9.28 starte ich zur bisher längsten Etappe meiner Liegeradkarriere. Der Usedom-Radweg ist relativ gut befahrbar und führt von Karlshagen direkt nach Wolgast zur Brücke auf’s Festland. Am südlichen Ortsausgang frage ich bei der Polizeiwache nach der »schnellsten« Verbindung nach Anklam und stürze mich dann auf der B111 in den sonntäglichen Rückreiseverkehr (Touristen aus allen Teilen Deutschlands; sehr wenige ausländische Kennzeichen). Nach dem Wechsel auf die B109 über Karlsburg wird es sehr viel ruhiger.

Leider ist die B109 ab Anklam in Richtung Pasewalk eine Kraftfahrstraße. Glücklicherweise stelle ich dies genau an der Einfahrt zum Anklamer Flugplatz fest, so dass ich den Besuch im »Aeronauticon Otto Lilienthal« in Ergänzung des Museumsbesuchs vom Freitag einschieben und im Restaurant »Zum Flieger« einen großen Pott Kaffee genießen kann. Dort besorge ich mir eine Landkarte, die mir die Weiterfahrt über Friedland und Strasburg (in der Uckermark) nach Prenzlau ermöglicht, das ich um 16.00 erreiche und wo ich am Unteruckersee weiteren »Ballast vernichte« (vulgo: verspeise).

Damit habe ich den »befahrbaren«Teil des Fernradweges »Usedom–Berlin« erreicht, dem ich zügig nach Süden folge. Mit fortschreitendem Sonnenstand wird die Frage akut, ob ich – wie heute bereits mehrfach ausgesprochen – am Werbellinsee übernachten soll. Tatsächlich erreiche ich genau bei Sonnenuntergang und 200 km den Campingplatz. Allerdings drängt es mich zu einer anderen Fortsetzung: Ich starte durch!

Dank des Ende letzten Jahres montierten LED-Scheinwerfers werden die nächsten drei Stunden zu einem interessanten und gefahrlosen Erlebnis. In Eichhorst hole ich ein Bismarckbrötchen (an der Service-Geschwindigkeit müssen wir noch arbeiten!) und kurz darauf wird klar, warum die neuen, gelben Richtungsweiser aufgestellt sind: Die »Schleuse Rosenbeck« ist komplett gesperrt! Die Umfahrung durch Finowfurt ist auch nicht ganz trivial, da die Durchgangsstraße flächendeckend erneuert wird. Zum Glück kenne ich diese Strecke »im Schlaf«.

In Berlin verhindert die Baustelle an der Schlossallee das gewohnte Durchkommen, so dass ich links auf der Pasewalker Straße in Richtung Wedding und auf der Schönhauser Allee bis zur Eberswalder Straße durchstoße. Die Reste des »Berlin Marathon« halten am Schluss nicht mehr wirklich auf. Um 23.00 ist es geschafft!

Fazit

Mensch und Maschine haben die 608 km in vier Tagen ohne jegliches Problem überstanden. Alle neuen Teile tun vorzüglich ihren Dienst. (Zwei wohltönende Glocken sind allemal besser als das »Pfeifen im Walde« als Hilfsmittel gegen Schwarzkittel und Konsorten.) Einzig die »Anti-Kratz-Beschichtung« am Gepäckträger ist auf der rechten Seite noch nicht ganz optimal.

Es gab nicht einen Sturz und dank des Hinterbauständers dürften »Umfälle« der Vergangenheit angehören. Leider ist der Streckenabschnitt um Anklam sowohl auf Sand als auch auf der B111 nicht zu empfehlen; hier muss eine dritte Alternative gefunden werden. (Zwischen Steinhöfel und Seehausen kann man den »Schreiadlern« über die Straße ausweichen, und die anderen »Baustellen« werden in absehbarer Zeit wieder verschwinden.) Die »Abkürzung« über Friedland und Strasburg ist landschaftlich sehr schön.

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit diesem Kurztrip, der mir viele interessante Erleb- und Ergebnisse beschert und dabei einige Grenzen »verschoben« hat.